Panorama view of exhibition in Jedlitschka Gallery, Zurich.

Panorama view of exhibition in Jedlitschka Gallery, Zurich.

08 February 2007

Brandl: Offener Brief im Tagblatt zu Heimspiel 06


Nachdem ich die sogenannte "Heimspiel"-Ausstellung 2006 mehrmals und in Begleitung verschiedener Leute besucht habe, muss ich jetzt endlich klar und deutlich sagen, was alle hinter vorgehaltener Hand raunen, sich aber offensichtlich niemand öffentlich auszusprechen traut: Diese Ausstellung gehört zu den schlechtesten, die ich je gesehen habe. Sie besteht, um es auf den Punkt zu bringen, vorwiegend aus drittklassigen Unterliga-Variationen von konsens-korrektem, vor 10 Jahren trendigem Kunstwelt-Quatsch. Eine kleine Handvoll Ausnahmen bestätigt die Regel, wie z.B. Katja Schenker oder Marianne Rinderknecht. Interessanterweise handelt es sich bei diesen Ausnahmen um die seltenen echten Heimspieler (d.h., sie wohnen und arbeiten in unserer Region und sind auch wirklich in die hiesige Kunstszene involviert), welche diese Ausstellung darstellen zu wollen vorgibt. Aber ausgerechnet diese wenigen guten Künstlerinnen oder Künstler sind besonders dilettantisch präsentiert! Ich möchte die Ausstellung selber hier nicht weiter kommentieren – der Umfang einer Rezension kann ja auch ausdrücken, wieviel Worte eine Ausstellung wert ist. Hingegen werde ich mich ausführlich zu den Hintergründen äussern, welche dieses Desaster ermöglicht oder vielleicht sogar unausweichlich gemacht haben.

Als ich mich mit einer ehemaligen Kunsthalle-Kuratorin über die Ausstellung unterhielt, schlug sie in die sattsam bekannte Kerbe und meinte, ich hätte vergessen, dass es die Aufgabe der Kuratoren in der Provinz sei, die lokalen Künstler durch die Konfrontation mit Einflüssen von aussen zu erziehen. Ein völliger Schwachsinn. Diese Art von "Belehrung" ist in unserer global vernetzten Gemeinschaft völlig überflüssig. Die meisten von uns, die ausserhalb der städtischen Zentren leben und arbeiten, wissen sofort alles, was dort geschieht. Normalerweise habe ich unmittelbar in New York gesehen, was sich dort tut; und dann werde ich acht bis zehn Jahre später in St. Gallen darüber "belehrt". Wobei dieser Unterricht schlicht darin besteht, uns zu sagen, vor welchen kuratorisch korrekten und momentan anerkannten Tendenzen wir in die Knie fallen sollten – die unausgesprochene, aber deutliche Aussage lautet: "Schaut her, ihr Provinzler, auch ihr könntet in dieser Ausstellung sein, wenn ihr nur bereit wärt, die momentan akzeptablen, von den Kuratoren als massgeblich eingestuften Künstler zu imitieren!". Eine Art von "Bestseller auf dem Plattenteller" des Kunstbetriebs, oder noch banaler: "Die Kunstwelt sucht den Superstar".

Wie Alex Meszmer meint, steckt dahinter das Streben nach "ein bisschen Documenta – oder New York – endlich auch für alle Provinzen". Aber diese Ausstellung wirkt wie die New Yorker Ausstellungen in den späten 1980er Jahren! Ganz nach dem Trend der Kuratoren, aber einfach gut und gerne 20 Jahre zu spät. Das einzig Schlimmere als trendy zu sein ist verspätet trendy zu sein, und es beweist in diesem Fall, dass die Juroren und Kuratoren die Provinzler sind, nicht die Künstler. Übrigens ist das Wort "trendy" im Englischen ein Schimpfwort und bedeutet nicht "auf der Höhe der Zeit", sondern so etwas wie "kopflos dem letzten Schrei nachrennend". Ich teile völlig die Ansicht von Mezmer: "Man zeigt schlechte Kopien von Arbeiten international arrivierter Künstler, tut aber, als existierten diese nicht." Und das mit der erwähnten, ganz unverhüllt beleidigenden Absicht, die lokalen Künstler in ihre Schranken zu weisen.

Im Moment sieht es wirklich danach aus, als ob die Kunsthalle und ähnliche Institutionen in einer Art von elitärem Sozialprogramm zur Entwicklung von Kuratorenkarrieren dienten. Vielleicht könnten sie statt dessen manchmal auch für die Entwicklung von Kunst und Künstlern eingesetzt werden? Ist dies zu viel verlangt? Zumindest in Ausstellungen, welche angeblich der Darstellung des aktuellen Kunstschaffens der Region gewidmet sind?

Aber wie müsste eine brauchbare Ausstellung von Ostschweizer Kunstschaffenden aussehen? Zunächst sollte sie jährlich stattfinden und echt regional ausgerichtet sein. Wie H.R. Fricker richtig bemerkte, haben wir Künstler nur selten die Gelegenheit, gegenseitig unsere Arbeiten zu sehen, da wir nur selten in der Kunsthalle gezeigt werden, da es nur selten Retrospektiven regionaler Künstler gibt, usw. Es wäre für uns eine grossartige Gelegenheit, jährlich zu sehen, was die anderen produzieren, die eigene Arbeit damit zu vergleichen, ja sogar miteinander in einen Wettbewerb zu treten, aber mit fairen Regeln, wo nicht schon heimlich im Voraus festgelegt wurde, wer gewinnen wird und deshalb am meisten Raum kriegt. In anderen Kantonen ist das möglich, auch in anderen Städten und anderen Ländern. Weshalb nicht in St. Gallen?

Sicher trifft zu, was Matthias Kuhn geschrieben hat: "Man würde es vielen zu Hause gebliebenen Kunstschaffenden wünschen, es hätte ihnen irgendwann einer einen Tritt in den Arsch gegeben und sie aufgefordert, ihre Kunst draussen in der Welt zu erproben. Wir hätten weniger schlechte Bewerbungen im Heimspiel-Archiv." Allerdings kann das nur dann geschehen, wenn die Einheimischen zuerst einmal hier ausgestellt werden und sich im lokalen Rahmen behaupten müssen; wenn man sie ernstnimmt und auch ernsthaft kritisiert. Es trifft eben auch zu, was Kuhn weiter sagt: "Der Titel 'Ostschweizer Kunstschaffen 2006' für die Ausstellung im Kunstmuseum, der Kunsthalle und im Projektraum exex ist verfehlt. Oder er weckt falsche Erwartungen. Die meisten teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler leben nicht in der Ostschweiz." Es dürften also wirklich nur Kunstschaffende aus St. Gallen, den beiden Appenzell und Thurgau involviert sein, Leute, die hier leben und arbeiten. Die immense Ausdehnung des einbezogenen Gebiets, das Kriterium des Bürgerorts für Teilnehmende mit kaum einem lebendigen Kontakt zu unserer Region zielt offensichtlich darauf ab, die lokalen Kunstschaffenden zu beleidigen und aus dem Rennen zu werfen.

Ein fundamentales Problem stellt die Jurierung. Es wird immer wieder die Behauptung aufgestellt, dass es sich bei den Juroren um Aussenseiter, also um Unparteiische handle. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich für einen Moment überheblich bin: Die ganze Schweiz ist ungefähr so gross wie Los Angeles, also ist diese Unparteilichkeit schlicht unmöglich. Die Schweizer Kunstwelt, ja sogar die globale, ist eine überschaubare Gemeinschaft mit eng verquickten Interessen.

Was nötig ist, ist ein neues kuratorisches Konzept, z.B. echte Kuratorenarbeit, die heute kaum mehr geleistet wird. Das bedeutet, dass ein Kurator oder mehrere, die sich in der Region auskennen, ganz offen die Künstler besuchen, die Sachen auswählen, die ihnen gefallen, und damit eine Ausstellung machen – und mit ihrem Namen für das Gezeigte einstehen. Ganz sicher würden sie sich der Kritik aussetzen, aber auch Zustimmung und Beifall erhalten, und es gäbe keine verlogenen Vorspiegelungen von Unparteilichkeit und dergleichen. Jedermann wüsste: Das ist die Ostschweizer Ausstellung, wie Soundso sie sieht. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen. Ich habe mich mit verschiedenen Künstlern und Kunstliebhabern in der Ostschweiz zusammengesetzt, z.B. mit Jan Kaeser, Alex Mesmer und anderen, die nicht genannt sein möchten, sogar mit Kuratoren. Unabhängig voneinander schrieben wir eine Liste von Kunstschaffenden, ernstzunehmenden Kunstschaffenden, die uns spontan als Teilnehmer einer regionalen Ausstellung einfielen. Wir hatten schnell je eine Liste von ca. 30 Namen zusammen, und unsere Listen waren praktisch identisch! Es wäre also gar nicht so schwer, eine seriöse Auswahl zu treffen, sofern man über Mut und Unabhängigkeit verfügt.

Ganz im Gegensatz dazu war das "Heimspiel" weitgehend auf die Vermeidung von Verantwortlichkeit angelegt. Offene, nicht klandestine Verantwortlichkeit. Viele Schweizer Kollegen haben mich gewarnt und gesagt, dass dies in der hiesigen Kunstwelt sehr schwierig sei, dass man es vorziehe, im Verborgenen und hinter dem Rücken der Anderen die Fäden zu ziehen, dass man es nicht wage, seine wahre Meinung offen auszudrücken, und dass ich für meine öffentliche Kritik mit irgendwelchen Intrigen gegen mich zu rechnen haben werde. Ich glaube nicht, dass dieser Eindruck zwingend wahr ist. Ich meine, dass eine öffentliche Diskussion möglich ist, und ich möchte sie mit dieser Stellungnahme eröffnen. Und ich meine, dass es an mir liegt, an die Öffentlichkeit zu treten, weil ich als Künstler ohnehin vorwiegend ausserhalb der Ostschweiz tätig bin und weil ich an den meisten dieser "Heimspiele" vertreten war. Ich kann mich persönlich über die Behandlung durch die regionalen Kuratoren und Kunstgemeinschaft nicht beklagen. Wenn sich jemand anders wehrt, wird man es als "Saure Trauben-Syndrom" abtun, was in meinem Fall kaum möglich ist. Ich äussere meine Kritik hier und auf diese Weise aufgrund meiner Einsicht in die Gegebenheiten, aus moralischer Verantwortung und dem Bedürfnis nach Redlichkeit. Die Diskussion unter Künstlern hat übrigens bereits begonnen, zusammen mit Matthias Kuhn und Alex Meszmer, auf unserer Ostschweizer Kunst-Diskussions Blog Site, dem "Swiss Art Sharkforum". Besuchen Sie die Website und beteiligen Sie sich daran! Und auch für die lokale Presse könnte es von Interesse sein, sich aus erster Hand Informationen darüber zu beschaffen, was die Beiträge und Anliegen der regionalen Künstler sind.

Was wir unverkennbar dringend brauchen, ist ein offenes und klares Gespräch über diese Ausstellungsreihe und darüber, was nötig ist, um eine echte Ausstellung des Ostschweizer Kunstschaffens ins Leben zu rufen. Ausstellungen wie diese und ihre Vorgänger (bei denen auch meine Kunst oft dabei war, wie gesagt) sind nur wenig verhüllte Beleidigungen für die Künstler und Künstlerinnen, die hier wohnen und arbeiten. Ausstellungen wie das „Heimspiel" müssen im Dienst der Kunst existieren, die hier geschaffen wird; sie sind nicht dazu da, um als kuratorische Werkzeuge das regionale Schaffen zu demütigen. Diese Ausstellungsreihe hat nichts damit zu tun, was sich Josef Felix Müller und die übrigen von uns vorgestellt haben, als wir diese Ausstellung gemeinsam aus der Taufe gehoben haben. Die Künstlerinnen und Künstler von Visarte, die Künstlerinnen und Künstler von exex und alle anderen Ostschweizer Kunstschaffenden müssen sich zusammensetzen und Ideen für eine authentische, positive, das Potential der Ostschweiz stärkende Ausstellung ausdenken. Wie muss eine wirkliche Ausstellung des Ostschweizer Kunstschaffens aussehen?

Unter das Niveau des "Heimspiels 2006" kann sie jedenfalls nicht sinken.

3 comments:

Manuel Giron said...

Hallo Herr Mark Staff Brandl

Ich habe den Artikel in der Zeitung heute gelesen und finde ich die Idee toll.

Naturlich ist sehr schwierig zu realizieren weil es nocht viele Vorurteile, Interesse und falsche Ideen gibt, aber Sie hat schon begonnen und dass ist sehr positiv.

Mit herzlichen Grüssen
manuel giron

Mark Staff Brandl said...

Alle andere Comments sind jetzt oben:
https://www2.blogger.com/comment.g?blogID=33907036&postID=5634479549125244088

(post: http://swiss-art.blogspot.com/2007/02/gesprchs-ort-blog-heimspiel-06.html )

Mark Staff Brandl said...

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