Panorama view of exhibition in Jedlitschka Gallery, Zurich.

Panorama view of exhibition in Jedlitschka Gallery, Zurich.

01 March 2009

Milliardenschwere Scheuklappen



Wieviel sind eine Milliarde? Egal ob Dollar, Euro oder Schweizer Franken - wer kann sich diese Summe wirklich vorstellen? Seitdem die Börsen massiv auf Tauchgang gehen und die Finanzkrise jeden einzelnen Tag überschattet, erscheinen uns alle Summen die unter diesem - für mich unvorstellbaren Betrag - liegen, Peanuts.
In den 90er Jahren, bei der grossen Pleite des Frankfurter Bauunternehmers Schneider, rief die Bemerkung des damaligen Deutsche Bank Chefs grosse Empörung hervor, als er die 20 Millionen D-Mark, die an Schulden gegenüber den Betrieben, die für Schneider gearbeitet hatten, angefallen waren und die für die kleinen Unternehmen lebenswichtig waren, als Peanuts bezeichnet hatte. Angesichts der Verluste der letzten Monate scheint diese Summe wirklich von bescheidenem Ausmass zu sein. Portokasse, sozusagen.
Schon damals fragte ich mich, ob die Banken überhaupt noch einschätzen können, was sie mit ihren Tätigkeiten eigentlich auslösen und wie weit den Wirtschaftsgrössen wirklich zu trauen ist, dass sie ihre Sache auch gut machen - sie haben ihre Sache sicher gut gemacht - für ihren persönlichen Vorteil; für die Allgemeinheit, wage ich dies ganz grundsätzlich zu bezweifeln.
Bereits in den 80er Jahren war doch eigentlich alles klar: Thatcherism, Reagonomics und 16 lange Jahre Kohl in Deutschland wirtschafteten vor sich hin und es wurden die Möglichkeiten für neoliberale Wirtschaftstendenzen geschaffen, die vor allem eines bedeuteten:
Arbeite für deinen eigenen Vorteil, die anderen werden dir jeden Erfolg missgönnen und über alle Misserfolge lachen.

Für die Kulturschaffenden aller Sparten bedeutete dies, dass immer wieder der Vorwurf kam, dass Kultur wirtschaftlich nicht rentiere und alleinig in der Entwicklung von Formaten, die sich auch über einen wirtschaftlichen Erfolg definieren konnten, die Zukunft gesehen werden konnte. Aber: Zukunft, welche Zukunft? Fukuyama, philosophischer Beisprecher und Betpriester der Neoliberalen Entwicklung, verkündete das Ende der Geschichte - und damit auch zugleich das Ende jeglicher Verantwortung gegenüber der Vergangenheit und der Zukunft. Das Ende der Geschichte würde für die Menschheit das Ende der Utopien bedeuten. Zugleich wurde in allen Medien diskutiert, wie schwierig der Umgang mit Wissen inzwischen geworden sei, mit all den Erkenntnissen der Wissenschaft, der neuen Religion unserer Tage.
Experten forschten und trugen immer mehr Erkenntnisse zusammen, die nur noch von Experten verstanden werden konnten. Vereinzelung allenthalben.
Das Ende der Sowjetunion, die Wiedervereinigung Deutschlands und die Auflösung des Ostblocks halfen mit, diese Thesen zu stützen und den Utopien des Kommunismus und Sozialismus, an denen sich viele Intellektuelle des Westens festgehalten hatten, endgültig den Todesstoss zu versetzen und den freien ungebremsten Kapitalismus auszurufen.
Gleichzeitig bot das wissenschaftliche Weltbild auch keine Zuflucht: Der Zufall als Schöpfer, sozialdarwinistische Thesen vom Recht des Stärkeren als Prinzip jeglichen Lebens und die Verzettelung der Forschung über Details des Lebens trugen nicht wirklich dazu bei, alternative Utopien entstehen zu lassen.
Was bleibt da übrig, als nur für sich zu sorgen, für den eigenen Vorteil zu arbeiten und auf die Anderen als Verlierer zu schauen, die es eben nicht geschafft haben, sich aus dem Sumpf herauszuarbeiten, auch wenn der Sumpf nur bedeutet, gleich unter Gleichen zu sein.
Kaufen, kaufen, kaufen macht aber auch nicht wirklich glücklich und so wirken die Arbeiten von Koons, Fleury, Hirst und Konsorten mit dem Blick aus der Krise bereits bedenklich oder zumindest schal und abgestanden, auf alle Fälle, wie aus einer anderen Zeit.

Neuere Forschungen zeigen, dass die These vom Überleben des Stärkeren nicht haltbar ist und dass auch wir Menschen glücklicher sind, wenn wir etwas für unseren sozialen Lebensraum erreichen können. Reiner Egoismus befriedigt nur kurzzeitig und wird dann sehr schnell einsam. Bei Dickens, Moliere und verschiedenen Vertretern aus Kunst und Literatur finden wir immer wieder Hinweise darauf, dass dem so sein könnte. Allein unser herrliches Weltbild der letzten Jahre hat uns diese Erkenntnis verstellt.
Menschen sind soziale Wesen, das sollte uns inzwischen aufgefallen sein. Menschen sind fehlbar - dies zeigt uns auch nicht zuletzt die Geschichte und wir hätten daraus lernen können.
Individualität wird grossgeschrieben in unserer Gesellschaft und es bedeutet auch sicherlich einen grossen Entwicklungsschritt, dass wir diese Tendenzen so weit entwickeln konnten.
Was die Finanzkrise zugleich auch zeigt, ist, dass Individualität auch falsch verstanden werden kann. Was in den letzten Jahren gepredigt und verwirklicht wurde, ist Egoismus - sicherlich eine Variante der Individualität.
Nur führt Egoismus nicht über die eigene Person selbst hinaus und wir handeln letztendlich rein solipsistisch. Die eingefahrenen Systemstrukturen helfen uns aber auch nicht aus diesem Dilemma heraus, sondern führen uns nur tiefer hinein.

Mit den beiden grossen Weltkriegen im 20 Jahrhundert kulminierten Entwicklungen, die dazu führten, dass autoritäre Systeme - Monarchien, Dikaturen und Tyranneien - zu Fall kamen. Es bedurfte zu vieler Opfer, deren visionäre Vorstellungen halfen, Veränderungen einzuführen und unser Leben anders zu gestalten. Sobald Schwierigkeiten auftauchen, vergessen wir nur zu schnell, dass wir Teil dieser allgemeinen Entwicklungen sind und besinnen uns auf St Florian und den kleinen Umkreis des Ich. Demokratie ist unsere favorisierte Regierungsform, nur glaube ich, dass wir noch nicht wirklich alle Bedingungen für ein Leben als Gemeinschaft begriffen haben. Zu schnell suchen wir nach Vorbildern, nach der einen grossen Hilfe, dem Führer oder den Führern, die uns zeigen, wohin der Weg geht und uns aus den grossen Dilemmas führen können - Berlusconi, Haider, Blocher oder wie sie heissen mögen, schwimmen auf dieser Welle mit.
Auf den Schultern Obamas lastet auch diese Verantwortung und er hat zugelassen, dass diese Projektionen stattfinden können.
Wirklich aus der Krise herausführen wird uns eine autoritäre Macht aber nicht, denn es gilt zu begreifen, dass jeder Einzelne es ist, jeder Mensch, der etwas dazu beitragen kann.
Wir sind alle Teil einer grossen Gemeinschaft und können nur gemeinsam etwas verändern.
Revolutionen, Veränderungen passieren von unten und können nur stattfinden, wenn alle mitmachen. Die Finanzwelt hat noch nicht gelernt damit umzugehen und sucht nur die Hilfe beim Staat. Der Statt gibt Hilfestellung und die Banken bezahlen ihren Mitarbeitern munter weiter Bonis und verstehen nicht, dass die Empörung in der Bevölkerung steigt, je mehr Geld vom Finanzmarkt verschwindet und je mehr die Staaten dazu beitragen müssen. Denn, der Staat sind wir alle und jeder Verlust geht zu unseren Lasten.

Denken wir doch einmal zurück an den letzten Sommer: der Ölpreis stieg, die Preise für Getreide, Reis und Lebensmittel schnellten in die Höhe, so dass in vielen Ländern die Bürger auf die Strasse gingen und protestierten. Die Spekulanten des Finanzsystems hatten bereits gemerkt, dass mit den üblichen Geschäften keine Gewinne mehr zu holen waren und sattelten um - noch bevor der Crash wirklich sichtbar wurde.
Wer glaubt darob noch, dass sich die Händler in diesem System plötzlich ihrer Menschlichkeit bewusst werden würden?
Nein, verändert hat sich in da nicht viel und die Geschäfte laufen weiter. So lange die Staaten zahlen, werden auch die Manager auf ihre Boni pochen - warum sollten sie ihre Verhaltensweisen ändern?
Nur wird dies auch dazu führen, dass ohne Halt das politische System unserer Demokratien darunter leiden wird. Bürgerkriege, zunehmender Extremismus oder terroristische Anschläge werden nur die kleinen Folgen sein.

Und wir Künstler? Der Kunstmarkt boomte in den letzten Jahren - nur boomte er nicht für alle Künstler - eher für die munteren, einfachen Vertreter der prophetischen Losungen neoliberaler Vorstellungen. Wie wunderbar einfach konnte man hübsche, bunte Kunst produzieren, die systemkompatibel war und damit auch noch zum Star aufsteigen. Aber Star sein, ist eine Sache, Star bleiben, eine andere. Ohne die Aufmerksamkeit der Vielen, oder der Masse, wie wir sie gerne bezeichnen, deren Geschmack durch die Medien mitgetragen wird, ist der Fall schnell und tief. Was eine Masse an Menschen bedeutet und was sie ausrichten kann, hat uns der Vorfall von Shell mit der Brent Spar vor einigen Jahren vorgeführt und auch Papst Benedikt XVI musste dies vor kurzem bemerken, als er sich dafür entschied, die Exkommunikation der Piusbrüderbischöfe aufzuheben.

Wir leben in demokratischen Systemen und handeln auch manchmal danach - aber noch zu wenig, zu träge. Die Entwicklungen in der Kunst zum Kunstbetrieb, zu einem System, das sich mehr angepasst hat, als es notwendig war, hat auch uns Künstler eingelullt. Zu sehr damit beschäftigt, die eigenen Pfründe zu sichern, das eigene Image zu polieren oder einfach nur unser Überleben zu sichern, sind wir den Vorgaben der allgemeinen gesellschaftlichen Vorgaben gefolgt und haben vergessen, dass wir es sind, denen Innovationen durch Kreativität und unkonventionelles Denken zugetraut werden können. Wir sind zu brav geworden und haben uns eingefügt in ein nicht widersprochenes Ganzes zu einem viel zu hohen Preis.

Hanno Rauterberg, Kunsthistoriker und Redakteur der Wochenzeitung "Die Zeit" lotete vorletzte Woche das Manifest und die Forderungen der Futuristen aus und analysierte, was sich von diesen Forderungen in unserer Alltagswelt niedergeschlagen hat. Es ist erstaunlich viel von diesen radikalen Forderungen Normalität geworden. Das Kunstsystem hat die Radikalität verloren und ist auch sehr brav geworden, zu brav, zu dekorativ, zu wenig wirklich revolutionär.
Rauterberg fordert die Künstler auf, wieder Manifeste zu schreiben und zu beweisen, was sie eigentlich können. Shame on us, dass wir da nicht vorher selber darauf gekommen sind....

2 comments:

Mark Staff Brandl said...

Great essay/post Alex!

max (alex Meszmer) said...

Thx Mark.
Well it's just a quick post of thoughts that keep on turning in my head.
Somehow I always remember a Radio column I used to listen to when I was a kid, titled:
In den Wind gesprochen...

Something that has to be said, but won't be heard anyhow.
Pu to know it seems, like nothing has changed and work goes on under worse conditions the same way as it did all the years before...
In Die Zeit this week, P.Haessig wrote an artcle about UBS and how the two experts that warned explicitely to go on with the subprime papers and american mortgage papers were first sent to another Abteilung and left the bank, because their warnings were not taken earnest...
Or the scandal in german towns that sold their public infrastructure to american investors and am in deep trouble now for they did not read the contracts (1500 pages,all in english)...