Panorama view of exhibition in Jedlitschka Gallery, Zurich.

Panorama view of exhibition in Jedlitschka Gallery, Zurich.

21 March 2009

Rien ne va plus



Der amerikanische Versicherungskonzern AIG bezahlt seinen Managern Bonis von einer Million und mehr, während dem Konzern Milliarden an Staatshilfen eingeschossen wurden. Wie in verschiedenen Analysen (u.a. Die Zeit) zu lesen war, ist AIG einer der nächsten Strauchelkandidaten der Finanzkrise - ein Konzern, dessen Struktur aufgebaut ist auf ungewisse Geschäftsresultate, Gewinnspeuklationen, die an russisches Roulette erinnern und gleichzeitig ein Gebilde von einer Grösse, dessen Fall das internationale Finanzsystem noch tiefer in die Krise reissen wird. Gestolpert ist das Imperium längst und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der grosse Zusammenbruch kommt. Und gleichzeitig wird bei AIG das passieren, was bei Lehmann Brothers zum Zusammenbruch von grossen Illusionen geführt hat: der Kandidat ist nicht mehr zu retten, auch wenn es noch alle bis zuletzt versuchen werden.
Wer die internationalen Verflechtungen des Konzerns kennt, kann sich nur fürchten, vor dem was uns bevorstehen wird. Es wird alle treffen, Gemeinden und Städte, Finanzinstitute, Länder - zu vielfältig sind die Verstrickungen eines únbeweglichen Megakonzerns der nur auf eines ausgerichtet war: die Gewinnmaximierung für seine Anleger.

Und gleichzeitig stellt sich mit den spriessenden Problemen die Frage: Wie gehen wir um mit den Konfrontationen eines Finanzsystems, das sich selbstherrlich inszenierte? Die Morddrohungen an die Manager und ihre Familien, die Frage nach der Offenlegung ihrer privaten Daten sind mit Sicherheit nicht das adäquate Mittel, dis Auszahlung von Bonis für schlechte Arbeit allerdings auch nicht. Es regt sich Widerstand bei denen, die als kleine unbedeutende Mitglieder den Staat repräsentieren und die Auswirkungen der Finanzkrise bereits spüren, Arbeitsplätze verloren haben und auf ihre gewohnten Annehmlichkeiten verzichten müssen, weil das System in sich nicht mehr funktioniert.

Was wir zur Zeit erleben ist nur der Beginn, die Spitze des Eisbergs und es fordert, dass wir radikal und schnell beginnen umzudenken, unsere Lebensweisen anpassen und neue Formen des Zusammenlebens, des wirtschaftlichen Lebens und einer Kultur der Gemeinschaft von uns Menschen entwickeln. Bürgerkriege stehen mit den Drohungen gegen die Profiteure der Finanzblase bereits vor der Türe und diese werden noch massiver werden, wenn wir nicht agiler werden und bereit sind schnell auf die Entwicklungen zu reagieren.

Wo stehen wir Künstler? Sind wir wirklich das, was man uns immer zugedacht hat - die aussenstehenden Rezeptoren der gesellschaftlichen Enwicklung? Die Mahner und Kassandras der politischen Entwicklung? Die Fühler am Puls der Zeit, die sich mit unkonventionellen Strategien schon im Vorhinein mit den Möglichkeiten der Zukunft auseinandergesetzt haben und Lösungen bieten? Innovative Konzepte denken, als Mahner agieren und darauf hinweisen, dass das, was kommen muss, auch kommt, wenn nicht anders reagiert wird?

Die Tagesordnung bestimmt den Jahresablauf: bald ist wieder Juni, bald wieder Art in Basel und wir können entweder bestaunen, dass noch immer Kunst gekauft wird oder eben nicht. Helfen wird es uns nicht. Helfen wird uns auch nicht, wenn wir auf Kuratoren und Museumsleute eindreschen und sie in eine Reihe mit den Verantwortlichen für die Finanzkrise stellen.
Helfen wird es auch nicht, wenn Winnenden und der Fall Fritzl mit Medieninteresse bombardiert werden, denn auch hier kann die Kultur nur als Trittbrettfahrer für Geschehenes fungieren, kann Theaterstücke oder Kunstwerke zu den Skandalen produzieren und den Geschehnissen mühsam hinterherhinken. Die Produktion von Metareflexionen unserer gesellschaftlichen Entwicklungen wirken dann nur noch als das, was sie sind: Kommentare und Beobachtungen, die spitzer und klarer über unser Mediensystem bereits funktioniert haben, bevor die Künstler sich den Themen annehmen.

Seit den 90er Jahren gibt es Trends zur Reflektion gesellschaftlicher Ereignisse, viele davon ergehen sich in der Kontemplation und Dokumentation von Vorhandenem, in endlosem Videomaterial über die sozialen Bedingungen polnischer Eisenbahnarbeiter, afrikanischer Frauen im Kampf gegen AIDS und anderem. Die Reflektion reagiert nur noch, sie agiert nicht mehr und es scheint fast, als seien die Ausstellungen und Grossevents zu reinen Metakommentaren verkommen. Kunstmarktkompatible Entwicklungen haben dazu beigetragen, Kunst weiter zu banalisieren und die Künstler darauf zu reduzieren als Beobachter kleine Kommentare abzugeben. Die Wenigen, die sich auf direkte Konfrontation einliessen und sich direkt mit Zukunftszenarios einliessen, wurden entweder nicht wahrgenommen oder grosszügig aussen vor gelassen. Wer braucht schon eine Kunst, die unangenehme Statements hervorbringt, die sich nicht verkaufen lassen?

Sehen wir der Krise doch einmal direkt ins Auge: Es wird uns treffen, schneller als es uns lieb ist. In der Schweiz vielleicht ein wenig später und ein wenig weniger hart als im Rest der Welt. Treffen wird es uns trotzdem. Und bei allem bleibt vor allem eines offen: Werden wir auch Antworten haben auf die offenen Fragen? Werden wir nur reagieren können?
Als ich 1990 an einer Grossausstellung im Martin Gropius Bau in Berlin (mit einer Gruppe von Studenten) war, die auch die deutsche Geschichte reflektieren sollte, wurde vor allem eines diskutiert: Warum gibt es keine künstlerischen Statements zum Mauerfall und den politischen Entwicklungen des letzten Jahres? Warum nur Metareflexionen, die sich im Bereich der l'art pour l'art verorten lassen? Es gab damals keine Antworten auf diese Frage und wird es heute noch weniger geben, denn die akademischen Ausrichtungen haben uns auf alles, was auf uns zukommen wird, nicht vorbereitet.

Kunst ist nicht mehr gesellschaftlich relevant. Vielleicht war sie es nie. Aber, wir können beginnen dazu beizutragen, dass sie es wieder wird. Nur müssen wir dann loslassen können, neue Ideen, neue Formate entwickeln und auch bereit dazu sein, sie anzuerkennen.
Verloren haben wir bereits.

Wenn wir Glück haben, beginnt ein neues Spiel.

2 comments:

Elias Wundersam said...

Korrekt ! Max:" Die wenigen Künstler, die sich auf direkte Konfrontation einliessen, wurden entweder nicht wahrgenommen oder aussen vor gelassen."
Die unbequeme, unkompatible Kunst der 80iger,
90iger Jahre totgeschwiegen ! Wodurch denn ???
eben durch die direktiven Strukturen des Kultur-betriebs, in denen die verantwortlichen Betreiber, derARTiges ausschliessen konnten. Auch wenn du die Manager der Kultur nicht auf eine Reihe mit den Verantwortlichen der Finanzkrise stellen möchtest.

Egal in welcher Reihe der Rädchen ein jeder von uns steht, das Betriebssystem rollt...sowohl in der Finanzordnung, als auch in der Kulturvermittlung,
weiter in Richtung Diktatur.

max (alex Meszmer) said...

So pessimistisch sehe ich es nicht. Eher eigentlich im Gegenteil: Die Medialisierung der Gesellschaften hat erreicht, dass sich auch eine neue Form von Demokratie durchsetzt und diese funktioniert sehr stark über einfache kleine Mitteilungen.

Der Papstausrutscher, die Bonis usw. alles Aufreger für plötzlich sehr viele Menschen, deren Reaktionen für die Autoritäten zum Problem werden.

Im Prinzip lieber Elias sind wir uns ja einig - nur, dass ich nicht an eine Zusammenrottung des Kulturbetriebs glaube. Damit machst du "die Anderen" plötzlich zu Machteinheiten, die sie gar nicht sind.

Macht ist sowieso ein sehr fragwürdiges Dingens - denn eigentlich existiert sie gar nicht, sondern ist nur eine Form des Zugeständnisses an den oder die Anderen. Wenn das Ich nicht will, bekommt das Du auch keine Macht.

Macht ist eine Illusion, wie auch Kontrolle. Beides funktioniert nur so lange alle dran glauben, auch wenn alle wissen, dass dem nicht so ist...
"Kontrolle ist immer über nix", hat der Psychotherapeut Hellinger mal gesagt und, wie ich glaube, sehr recht damit.

Eigentlich kommt mir der ganze Krisenmist so vor, ales hätten es ein paar Leute mächtig weit getrieben, ne richtig grosse bunte Party gefeiert und sind irgendwann im Suff weggepennt. Jetzt gilts die Festleichen recht schnell zu entsorgen und in die Ausnüchterungszellen zu bringen, aufzuräumen und mit dem weiter zu machen, was wirklich wichtig ist.

Und das was fehlt, ist ganz einfach:
Die Utopien!