Panorama view of exhibition in Jedlitschka Gallery, Zurich.

Panorama view of exhibition in Jedlitschka Gallery, Zurich.

28 March 2009

Die Manege der Raubtier-Ökonomie






Weil die Fahne der Freiheit, wie wir alle wissen, im Wirtschaftsleben gehisst wurde, war sie dem kulturellen Leben, länger denn mehr abhanden gekommen. Im Gleichschritt wurden auch die grossen Kulturinstitute in die Regale der Supermärkte eingereiht.

Vor diesem Hintergrund sind die produzierenden Betriebe und Dienstleistungsunternehmen der Industrien, Wissenschaften und Künste, sowohl was Arbeitsbedingungen, als auch was Produktionsprozesse anbelangt, über Gewinnmaximierung und Rentabilität definiert, durch Finanzstrukturen disziplinierbar geworden. Selbst im politischen Verlauf der Demokratien, sind heute Lobbyisten, zur Gewährleistung der liberalen Wachstumsmärkte, wählbar geworden.

Die Gleichheit sowohl des Rechtslebens, als auch die Freiheit des kulturellen Lebens, sind zu Gunsten einer freigleichen Weltordnung des Wettbewerbs, aufgesogen. In den Disziplinen dieser weltweit organisierten Olympiade, kämpfen sowohl angestellte, wie auch selbständige "Leistungsträger", nun nach Spielregeln der neoliberalen Marktwirtschaft, in der alle freiwillig Gas geben müssen, weil Niemand auf hinteren Rängen ausscheiden möchte. Der neueste Slogan lautet bereits: " Wer nichts verdient, hat auch nichts geleistet"!... also ran an den Pfeffer !

Kein Wunder, dass wir heute in einem erwärmten, bald schon überhitzten Klima des Konkurrenzkampfes, das längst in ein Gegeneinander der Feindseligkeiten gemündet ist, leben. Schon die Jüngsten werden darum von klein auf, in ordentliche Kampfstrategien und Raubtiertheorien eingespielt. Wer mehr Biss hat und schneller zupacken kann, darf an der Beute mit fressen, die Anderen dürfen zuschauen... Die optimal unterrichteten Nachwuchs-Player, die in allen Belangen zu streitbaren
Bürgerinnen und Bürgern heranwachsen, bringen als vollwertige Mitglieder unserer Gefühlsdemokratie und öffentlichen Meinung, ihre ganz individuellen Krallen mit auf den Plan.
Wir leben heute in gefährlichen Zeiten ! Wir sind telepräsent von dem überall lauernden Terror informiert, der aus der Achse des Bösen auf uns zurollt....die virtuellen Endlosschlaufen müssen uns aktuell und allgegenwärtig vor Augen stehen, damit wir gut vorbereitet, für kommende Szenarien gewappnet sind. Nun ist jeder Einzelne gefordert, die Erkenntnisse des Sozialdarwinismus, die da heissen: "Friss...oder du wirst gefressen !", in die Tat umsetzen. Nur gut, dass unsere Wehrmänner, die Knarre noch im Kasten haben !

Wen wundert's da noch, dass neben Amokläufern auch allenorts Kandidaten mit Strebersyndromen und Konkurrenzneurosen des Stärkerseins, Schnellerseins, Schönerseins, Gescheiterseins, Höhergestelltseins, herumgehen. Am Ende der Mode-Laufstege winkt ein Siegerpokal, das Anerkennungs-Diplom und natürlich auch der Arbeit,-und Geldgeber als Raubtierdompteur, der dich mit Zuckerbrot (Erfolg+Geld) und Peitsche (Konkurrenzfähigkeit) abtransportiert.
Durch Schulbildung werden uns die darwinistischen Zerrbilder der Evolution, des biologischen Kampfs ums Dasein beigebracht, damit wir lernen, die in uns steckende Raubtiernatur zu trainieren. Denn es ist der zum "Homo carnivora" mutierende Zielmensch, der den Ausbau der weltweit etablierten Raubtier-Ökonomie letztlich legitimiert.
Es gibt aber in der realen Natur den Kampf gegen die eigene Art so gar nicht. Tiger und Wölfe, fressen sich unter ihren eigenen Artgenossen doch nicht gegenseitig auf. Von den Hasen aber weiss man, dass sie sich in Ablenkungsmanövern für ihre verfolgten Artgenossen sogar opfern.

Was steht der Praxis echter, zwischenmenschlicher Werte, wie Verbundenheit, Empathie, Solidarität. Kooperation, Vertrauen, Hilfsbereitschaft, Liebe usw. bei der Einbringung ins Wirtschaftsleben, eigentlich entgegen ? Sind es die ökonomischen Pflichten und Sachzwänge der Leistungsgesellschaft, welche die Gebote der Gewinnmaximierung und des Konkurrenzkampfes, als Götzenanbetung des Kapitalismus, anbetend halten müssen ? Eine kooperative Solidaritätsökonomie, die auf echten Werten menschlicher Freundschaft und ökologischer Gemeinschaft gründet, wäre doch eine realisierbare Utopie, die vielleicht sogar zu einem Wohlstand für Alle führen könnte ?

Ganz wie eine Weltreligion wird die Globalisierung, von den Leadern des ökonomischen Wachstums, weltweit allen Völkern aufsuggeriert. Heisst es doch in immer neuen Varianten wieder, dass Gewinnmaximierung und Wettbewerb zu einem Wohlstand für Alle führe. Die Zeiten in denen man den Kapitalismus und seinen Götzendienst an eine Heilserwartung knüpfen konnte, sind jetzt endgültig vorbei.
Was geschieht aber, wenn wir die Gebote der Alphatiere und Dompteure der Raubtierökonomie dennoch weiter befolgen ? Wir werden uns als Bären, Wölfe und Tiger, im geldwuchernden Dschungel des Wachstumsmarktes tatsächlich gegenseitig zerfleischen. Ganz zur Freude einer elitären Minderheit, die sich im Glauben frönte, am Schluss dann ins Nirvana des Kapitalismus eingehen zu können, wohl aber doch nur zur Hölle fahren kann.

Kann ich zum Schluss, wie schon vor 30 Jahren einmal, nur sagen: " Die Kunst ist nicht für die Katze, vielleicht für den Hasen !"

26 March 2009

Brian Sherwin: Steve Litsios Interviewed on myartspace




Born in 1959 near Boston, raised in Washington DC, Steve Litsios moved to Switzerland with his family in 1967. He studied art for a couple of years at Geneva's ecole d'arts appliqués before attending the San Francisco Art Institute in the late 70's, then moved back to Switzerland where he has been active internationally as an artist since 1983. He lives in the city of La Chaux-de-Fonds and can be found playing the washboard with The Crawfish Blues Band.

Brian Sherwin: Steve, Mark Staff Brandl introduced me to your work. I understand that you have exhibited with Mark in the past. Have the two of you ever thought about collaborating? Have you? Is that something that you would consider?

Steve Litsios: We collaborated two years ago. I was in a group show at the Musée d'Art et d'Histoire in Neuchâtel in which each artist was asked to invite someone of their choice, and since I was interested in working with Mark I asked him if he wanted to participate.

For that show we ... Read the rest here.

21 March 2009

Rien ne va plus



Der amerikanische Versicherungskonzern AIG bezahlt seinen Managern Bonis von einer Million und mehr, während dem Konzern Milliarden an Staatshilfen eingeschossen wurden. Wie in verschiedenen Analysen (u.a. Die Zeit) zu lesen war, ist AIG einer der nächsten Strauchelkandidaten der Finanzkrise - ein Konzern, dessen Struktur aufgebaut ist auf ungewisse Geschäftsresultate, Gewinnspeuklationen, die an russisches Roulette erinnern und gleichzeitig ein Gebilde von einer Grösse, dessen Fall das internationale Finanzsystem noch tiefer in die Krise reissen wird. Gestolpert ist das Imperium längst und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der grosse Zusammenbruch kommt. Und gleichzeitig wird bei AIG das passieren, was bei Lehmann Brothers zum Zusammenbruch von grossen Illusionen geführt hat: der Kandidat ist nicht mehr zu retten, auch wenn es noch alle bis zuletzt versuchen werden.
Wer die internationalen Verflechtungen des Konzerns kennt, kann sich nur fürchten, vor dem was uns bevorstehen wird. Es wird alle treffen, Gemeinden und Städte, Finanzinstitute, Länder - zu vielfältig sind die Verstrickungen eines únbeweglichen Megakonzerns der nur auf eines ausgerichtet war: die Gewinnmaximierung für seine Anleger.

Und gleichzeitig stellt sich mit den spriessenden Problemen die Frage: Wie gehen wir um mit den Konfrontationen eines Finanzsystems, das sich selbstherrlich inszenierte? Die Morddrohungen an die Manager und ihre Familien, die Frage nach der Offenlegung ihrer privaten Daten sind mit Sicherheit nicht das adäquate Mittel, dis Auszahlung von Bonis für schlechte Arbeit allerdings auch nicht. Es regt sich Widerstand bei denen, die als kleine unbedeutende Mitglieder den Staat repräsentieren und die Auswirkungen der Finanzkrise bereits spüren, Arbeitsplätze verloren haben und auf ihre gewohnten Annehmlichkeiten verzichten müssen, weil das System in sich nicht mehr funktioniert.

Was wir zur Zeit erleben ist nur der Beginn, die Spitze des Eisbergs und es fordert, dass wir radikal und schnell beginnen umzudenken, unsere Lebensweisen anpassen und neue Formen des Zusammenlebens, des wirtschaftlichen Lebens und einer Kultur der Gemeinschaft von uns Menschen entwickeln. Bürgerkriege stehen mit den Drohungen gegen die Profiteure der Finanzblase bereits vor der Türe und diese werden noch massiver werden, wenn wir nicht agiler werden und bereit sind schnell auf die Entwicklungen zu reagieren.

Wo stehen wir Künstler? Sind wir wirklich das, was man uns immer zugedacht hat - die aussenstehenden Rezeptoren der gesellschaftlichen Enwicklung? Die Mahner und Kassandras der politischen Entwicklung? Die Fühler am Puls der Zeit, die sich mit unkonventionellen Strategien schon im Vorhinein mit den Möglichkeiten der Zukunft auseinandergesetzt haben und Lösungen bieten? Innovative Konzepte denken, als Mahner agieren und darauf hinweisen, dass das, was kommen muss, auch kommt, wenn nicht anders reagiert wird?

Die Tagesordnung bestimmt den Jahresablauf: bald ist wieder Juni, bald wieder Art in Basel und wir können entweder bestaunen, dass noch immer Kunst gekauft wird oder eben nicht. Helfen wird es uns nicht. Helfen wird uns auch nicht, wenn wir auf Kuratoren und Museumsleute eindreschen und sie in eine Reihe mit den Verantwortlichen für die Finanzkrise stellen.
Helfen wird es auch nicht, wenn Winnenden und der Fall Fritzl mit Medieninteresse bombardiert werden, denn auch hier kann die Kultur nur als Trittbrettfahrer für Geschehenes fungieren, kann Theaterstücke oder Kunstwerke zu den Skandalen produzieren und den Geschehnissen mühsam hinterherhinken. Die Produktion von Metareflexionen unserer gesellschaftlichen Entwicklungen wirken dann nur noch als das, was sie sind: Kommentare und Beobachtungen, die spitzer und klarer über unser Mediensystem bereits funktioniert haben, bevor die Künstler sich den Themen annehmen.

Seit den 90er Jahren gibt es Trends zur Reflektion gesellschaftlicher Ereignisse, viele davon ergehen sich in der Kontemplation und Dokumentation von Vorhandenem, in endlosem Videomaterial über die sozialen Bedingungen polnischer Eisenbahnarbeiter, afrikanischer Frauen im Kampf gegen AIDS und anderem. Die Reflektion reagiert nur noch, sie agiert nicht mehr und es scheint fast, als seien die Ausstellungen und Grossevents zu reinen Metakommentaren verkommen. Kunstmarktkompatible Entwicklungen haben dazu beigetragen, Kunst weiter zu banalisieren und die Künstler darauf zu reduzieren als Beobachter kleine Kommentare abzugeben. Die Wenigen, die sich auf direkte Konfrontation einliessen und sich direkt mit Zukunftszenarios einliessen, wurden entweder nicht wahrgenommen oder grosszügig aussen vor gelassen. Wer braucht schon eine Kunst, die unangenehme Statements hervorbringt, die sich nicht verkaufen lassen?

Sehen wir der Krise doch einmal direkt ins Auge: Es wird uns treffen, schneller als es uns lieb ist. In der Schweiz vielleicht ein wenig später und ein wenig weniger hart als im Rest der Welt. Treffen wird es uns trotzdem. Und bei allem bleibt vor allem eines offen: Werden wir auch Antworten haben auf die offenen Fragen? Werden wir nur reagieren können?
Als ich 1990 an einer Grossausstellung im Martin Gropius Bau in Berlin (mit einer Gruppe von Studenten) war, die auch die deutsche Geschichte reflektieren sollte, wurde vor allem eines diskutiert: Warum gibt es keine künstlerischen Statements zum Mauerfall und den politischen Entwicklungen des letzten Jahres? Warum nur Metareflexionen, die sich im Bereich der l'art pour l'art verorten lassen? Es gab damals keine Antworten auf diese Frage und wird es heute noch weniger geben, denn die akademischen Ausrichtungen haben uns auf alles, was auf uns zukommen wird, nicht vorbereitet.

Kunst ist nicht mehr gesellschaftlich relevant. Vielleicht war sie es nie. Aber, wir können beginnen dazu beizutragen, dass sie es wieder wird. Nur müssen wir dann loslassen können, neue Ideen, neue Formate entwickeln und auch bereit dazu sein, sie anzuerkennen.
Verloren haben wir bereits.

Wenn wir Glück haben, beginnt ein neues Spiel.

08 March 2009

Elias Wundersam: Wie man Kunst zu Tode kuratiert…



Wir verdanken es der gegenwärtigen Struktur des Kulturbetriebssystems, dass die „freien Künste“ in knapp 30 Jahren zu Dienstleistungen der freien Marktwirtschaft einerseits und zu verwaltbaren Kuratorien der Qualitätskontrolle anderseits, umsegmentiert wurden.

Unter der Künstlerschaft trauten sich zuerst Einige, später nur noch Wenige hinter die Barrieren des offiziellen Kurses. Inoffizielle und autonome Destinationen künstle-rischer Unabhängigkeit waren riskant, denn Geschäftsleute, Experten und Verwalter sicherten mit Zulassungskriterien den gewünschten Verlauf des Kunstbetriebs, indem sie durch Anerkennung und Disqualifikation den „Gang der Dinge“ kontrollierbar machten. Ausserdem schürte ein elitärer, neuinszenierter Wind in Medienhäusern und Kulturinstituten, unter den Kunstschaffenden die Hoffnung auf internationalen Erfolg.

Mit der Erhöhung der Erfolgschancen und der Möglichkeit die Nutzung von Beziehungskanälen als Fahrgelegenheit und Vermittlungsschiene, auch mit Anschluss zu elektronischen Verbindungsnetzen, für sich mobil zu machen erhielt das Künstler-image kalkulierbare Dimensionen. Dies äusserte sich bald auch in der Bereitschaft, ein professionelles Profil durch Anpassung zu entwickeln...
Die Anwärterscharen liessen sich bei der Durchschleusung im Marketing-Karriere-Fleischwolf gern freiwillig selbst verwursten. Das Kulturkarussel glitzernder Super-Stars und Glamourzugpferde begann sich auf globalem Schauplatz, im Wirbel des Medienrummels zu drehen.



So war es absehbar, dass durch die permanenten Weichenstellungen der Betriebs-Funktionäre, häufig Laufbahn-Kollisionen verursacht wurden, wodurch andererseits „unerwünschte“ Beteiligte ausschieden bzw. regelrecht aus der Bahn geschleudert wurden. Entschlossen arbeitete man im Kreis der Verantwortlichen und Fachleute,
für die Aufgleisung von innovativen Sonderschnellzügen, aber auch von nostalgischen Vetterli-Brötlibahnen, wodurch man das Dienstleistungsangebot, sowohl für die spezialisierten Bedürfnisse der Fachkreise, als auch für den eher traditionellen Geschmack eines breiten Publikums, gewährleisten konnte.
Es wurden Reiseangebote zu anerkannten Kultur-Highlights und internationalen Ausstellungs-Metropolen lanciert. Auch sollten fortan Profilierungs-Wettbewerbe nurmehr intern ausgeschrieben werden, zur Förderung nur des „Allerbesten“ eingerichtet werden. Dass sich die Künste so, auf hohem Niveau stabilisiert, in definierten Bahnen fortbewegten, hierdurch in gebräuchlicher, GANGbarer Art und Richtung entwickeln mussten, war absehbar...

Der Gang der Dinge nahm also den gewünschten Lauf...

Wenn man diesen Vorgang allerdings genauer unter die Lupe nimmt, wird einem beim Wort GANG auch einmal die englische Wortbedeutung in den Sinn kommen.
Hier heisst GANG soviel wie „Verbrecherbande“ und im Wort Gängelung steckt Bekanntlich auch Bevormundung, Manipulation !




Tatsächlich knüpft sich in den subventionierten Kulturinstituten eine Art Bandage, ein Band der Bevormundung, ein Gängelband, das die Produktion und Konsumtion der Künste instrumentalisiert und sie dauerhaft und individuell in ihren medialisierten Rollenfunktionen einbindet. Dieser Zustand veranlasste vor Jahren schon Kunstschaffende zur Auswanderung ins „Liberalium Artium –EXIL“, wo die souveränen, uneingeschränkten Bedingungen der Produktivität fortbestehen.

Auf der anderen Seite begrüsst der „Concours officiel“ mit seinen attraktiven Ka-rierebedingungen weiterhin dienstleistungsmotivierte Teilnehmer, aus deren munterer Schar jährlich die besten Rennpferde ermittelt, auf die Rennbahn geschickt werden.

Versteht sich, dass das Establishment der Sammlerguilde und Financiers von jeher ein Interesse daran hatten, dass derVorstand und die Fachleute von Museumsgesellschaf-ten und Kunstvereinen in ihren Programmen eine tadellose Künstlerelite präsentieren. die über ein entsprechendes Potenzial verfügt, das zur Herstellung künftiger Wert,-und Prestige-Anlagen, als auch in Bezug auf repräsentative und staatliche Image-pflege entsprechend geeignet ist.

Womit klar gesagt wäre, was viele Künstlerinnen bis heute veranlasst ihren Schaffensprozess so zu disziplinieren, dass die Chance in den Kreis der Auserwählten aufgenommen zu werden, zumindest in Takt bleibt. Man hält sich eben an die Spielregeln, die da etwa lauten : „shut up and work !“ oder gar: „Krieche und schleime“.
Die alten Erziehungsmassnahmen. „Bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“, werden im neuzeitlichen Ton durch Teilnahme-Bedingungen ersetzt.

Bestaunen wir also weiterhin ein Kulturkarussel, das zum Manipulationslabor von Kapital und Kuratorium umfunktioniert , lustig vor sich hin trällert...? Der Reigen der Anerkannten dreht sich bunt austaffiert als besitzbare Rösslein vor aller Augen. Es lädt ein zum Einstieg und zur Verköstigungsfahrt des infantilen Genusses der Orbitalen Umdrehungen und Verdrehungen der Kunst. Für den garantierten Erfolg dürfen ihre Erzeuger bestenfalls noch gute Pausennarren und Jongleure von Beliebigkeiten sein, die sie umgesetzt in Marotten, Fetische und Leckerbissen von Medien und Managern vermarkten lassen dürfen...

Die Begeisterung des Publikums für ökonomische Boni-Träger und Status-Symbole nimmt jedoch ab, es ist desshalb fraglich ob der Run auf kulturelle Hochburgen der kapitalistischen Ideologie,tatsächlich noch lange Bestand haben wird. Wir dürfen also gespannt sein, auf das was die offiziell„schweigenden Lämmer“ der letzten 30 Jahre Kunst,-und Kulturentwicklung, bei einer Wende und beim Drehen des Windes, doch noch von sich geben werden, verständlicherweise erst dann wenn plötzlich neue Werte und eine andere Richtung der Entwicklung, Gültigkeit haben werden.

Holland Cotter: The Boom Is Over. Long Live the Art!


In the New York Times.
"Anyone with memories of recessions in the early 1970s and late '80s knows that we've been here before, though not exactly here."

"I'm not talking about creating '60s-style utopias; all those notions are dead and gone and weren't so great to begin with. I'm talking about carving out a place in the larger culture where a condition of abnormality can be sustained, where imagining the unknown and the unknowable -- impossible to buy or sell -- is the primary enterprise. Crazy! says anyone with an ounce of business sense.
Right. Exactly. Crazy. "

"Every year art schools across the country spit out thousands of groomed-for-success graduates, whose job it is to supply galleries and auction houses with desirable retail. They are backed up by cadres of public relations specialists — otherwise known as critics, curators, editors, publishers and career theorists."

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The Article:

LAST year Artforum magazine, one of the country's leading contemporary art monthlies, felt as fat as a phone book, with issues running to 500 pages, most of them gallery advertisements. The current issue has just over 200 pages. Many ads have disappeared.

The contemporary art market, with its abiding reputation for foggy deals and puffy values, is a vulnerable organism, traditionally hit early and hard by economic malaise. That's what's happening now. Sales are vaporizing. Careers are leaking air. Chelsea rents are due. The boom that was is no more.

Anyone with memories of recessions in the early 1970s and late '80s knows that we've been here before, though not exactly here. There are reasons to think that the present crisis is of a different magnitude: broader and deeper, a global black hole. Yet the same memories will lend a hopeful spin to that thought: as has been true before, a financial scouring can only be good for American art, which during the present decade has become a diminished thing.

The diminishment has not, God knows, been quantitative. Never has there been so much product. Never has the American art world functioned so efficiently as a full-service marketing industry on the corporate model.

Every year art schools across the country spit out thousands of groomed-for-success graduates, whose job it is to supply galleries and auction houses with desirable retail.

Read the complete article here.

01 March 2009

Milliardenschwere Scheuklappen



Wieviel sind eine Milliarde? Egal ob Dollar, Euro oder Schweizer Franken - wer kann sich diese Summe wirklich vorstellen? Seitdem die Börsen massiv auf Tauchgang gehen und die Finanzkrise jeden einzelnen Tag überschattet, erscheinen uns alle Summen die unter diesem - für mich unvorstellbaren Betrag - liegen, Peanuts.
In den 90er Jahren, bei der grossen Pleite des Frankfurter Bauunternehmers Schneider, rief die Bemerkung des damaligen Deutsche Bank Chefs grosse Empörung hervor, als er die 20 Millionen D-Mark, die an Schulden gegenüber den Betrieben, die für Schneider gearbeitet hatten, angefallen waren und die für die kleinen Unternehmen lebenswichtig waren, als Peanuts bezeichnet hatte. Angesichts der Verluste der letzten Monate scheint diese Summe wirklich von bescheidenem Ausmass zu sein. Portokasse, sozusagen.
Schon damals fragte ich mich, ob die Banken überhaupt noch einschätzen können, was sie mit ihren Tätigkeiten eigentlich auslösen und wie weit den Wirtschaftsgrössen wirklich zu trauen ist, dass sie ihre Sache auch gut machen - sie haben ihre Sache sicher gut gemacht - für ihren persönlichen Vorteil; für die Allgemeinheit, wage ich dies ganz grundsätzlich zu bezweifeln.
Bereits in den 80er Jahren war doch eigentlich alles klar: Thatcherism, Reagonomics und 16 lange Jahre Kohl in Deutschland wirtschafteten vor sich hin und es wurden die Möglichkeiten für neoliberale Wirtschaftstendenzen geschaffen, die vor allem eines bedeuteten:
Arbeite für deinen eigenen Vorteil, die anderen werden dir jeden Erfolg missgönnen und über alle Misserfolge lachen.

Für die Kulturschaffenden aller Sparten bedeutete dies, dass immer wieder der Vorwurf kam, dass Kultur wirtschaftlich nicht rentiere und alleinig in der Entwicklung von Formaten, die sich auch über einen wirtschaftlichen Erfolg definieren konnten, die Zukunft gesehen werden konnte. Aber: Zukunft, welche Zukunft? Fukuyama, philosophischer Beisprecher und Betpriester der Neoliberalen Entwicklung, verkündete das Ende der Geschichte - und damit auch zugleich das Ende jeglicher Verantwortung gegenüber der Vergangenheit und der Zukunft. Das Ende der Geschichte würde für die Menschheit das Ende der Utopien bedeuten. Zugleich wurde in allen Medien diskutiert, wie schwierig der Umgang mit Wissen inzwischen geworden sei, mit all den Erkenntnissen der Wissenschaft, der neuen Religion unserer Tage.
Experten forschten und trugen immer mehr Erkenntnisse zusammen, die nur noch von Experten verstanden werden konnten. Vereinzelung allenthalben.
Das Ende der Sowjetunion, die Wiedervereinigung Deutschlands und die Auflösung des Ostblocks halfen mit, diese Thesen zu stützen und den Utopien des Kommunismus und Sozialismus, an denen sich viele Intellektuelle des Westens festgehalten hatten, endgültig den Todesstoss zu versetzen und den freien ungebremsten Kapitalismus auszurufen.
Gleichzeitig bot das wissenschaftliche Weltbild auch keine Zuflucht: Der Zufall als Schöpfer, sozialdarwinistische Thesen vom Recht des Stärkeren als Prinzip jeglichen Lebens und die Verzettelung der Forschung über Details des Lebens trugen nicht wirklich dazu bei, alternative Utopien entstehen zu lassen.
Was bleibt da übrig, als nur für sich zu sorgen, für den eigenen Vorteil zu arbeiten und auf die Anderen als Verlierer zu schauen, die es eben nicht geschafft haben, sich aus dem Sumpf herauszuarbeiten, auch wenn der Sumpf nur bedeutet, gleich unter Gleichen zu sein.
Kaufen, kaufen, kaufen macht aber auch nicht wirklich glücklich und so wirken die Arbeiten von Koons, Fleury, Hirst und Konsorten mit dem Blick aus der Krise bereits bedenklich oder zumindest schal und abgestanden, auf alle Fälle, wie aus einer anderen Zeit.

Neuere Forschungen zeigen, dass die These vom Überleben des Stärkeren nicht haltbar ist und dass auch wir Menschen glücklicher sind, wenn wir etwas für unseren sozialen Lebensraum erreichen können. Reiner Egoismus befriedigt nur kurzzeitig und wird dann sehr schnell einsam. Bei Dickens, Moliere und verschiedenen Vertretern aus Kunst und Literatur finden wir immer wieder Hinweise darauf, dass dem so sein könnte. Allein unser herrliches Weltbild der letzten Jahre hat uns diese Erkenntnis verstellt.
Menschen sind soziale Wesen, das sollte uns inzwischen aufgefallen sein. Menschen sind fehlbar - dies zeigt uns auch nicht zuletzt die Geschichte und wir hätten daraus lernen können.
Individualität wird grossgeschrieben in unserer Gesellschaft und es bedeutet auch sicherlich einen grossen Entwicklungsschritt, dass wir diese Tendenzen so weit entwickeln konnten.
Was die Finanzkrise zugleich auch zeigt, ist, dass Individualität auch falsch verstanden werden kann. Was in den letzten Jahren gepredigt und verwirklicht wurde, ist Egoismus - sicherlich eine Variante der Individualität.
Nur führt Egoismus nicht über die eigene Person selbst hinaus und wir handeln letztendlich rein solipsistisch. Die eingefahrenen Systemstrukturen helfen uns aber auch nicht aus diesem Dilemma heraus, sondern führen uns nur tiefer hinein.

Mit den beiden grossen Weltkriegen im 20 Jahrhundert kulminierten Entwicklungen, die dazu führten, dass autoritäre Systeme - Monarchien, Dikaturen und Tyranneien - zu Fall kamen. Es bedurfte zu vieler Opfer, deren visionäre Vorstellungen halfen, Veränderungen einzuführen und unser Leben anders zu gestalten. Sobald Schwierigkeiten auftauchen, vergessen wir nur zu schnell, dass wir Teil dieser allgemeinen Entwicklungen sind und besinnen uns auf St Florian und den kleinen Umkreis des Ich. Demokratie ist unsere favorisierte Regierungsform, nur glaube ich, dass wir noch nicht wirklich alle Bedingungen für ein Leben als Gemeinschaft begriffen haben. Zu schnell suchen wir nach Vorbildern, nach der einen grossen Hilfe, dem Führer oder den Führern, die uns zeigen, wohin der Weg geht und uns aus den grossen Dilemmas führen können - Berlusconi, Haider, Blocher oder wie sie heissen mögen, schwimmen auf dieser Welle mit.
Auf den Schultern Obamas lastet auch diese Verantwortung und er hat zugelassen, dass diese Projektionen stattfinden können.
Wirklich aus der Krise herausführen wird uns eine autoritäre Macht aber nicht, denn es gilt zu begreifen, dass jeder Einzelne es ist, jeder Mensch, der etwas dazu beitragen kann.
Wir sind alle Teil einer grossen Gemeinschaft und können nur gemeinsam etwas verändern.
Revolutionen, Veränderungen passieren von unten und können nur stattfinden, wenn alle mitmachen. Die Finanzwelt hat noch nicht gelernt damit umzugehen und sucht nur die Hilfe beim Staat. Der Statt gibt Hilfestellung und die Banken bezahlen ihren Mitarbeitern munter weiter Bonis und verstehen nicht, dass die Empörung in der Bevölkerung steigt, je mehr Geld vom Finanzmarkt verschwindet und je mehr die Staaten dazu beitragen müssen. Denn, der Staat sind wir alle und jeder Verlust geht zu unseren Lasten.

Denken wir doch einmal zurück an den letzten Sommer: der Ölpreis stieg, die Preise für Getreide, Reis und Lebensmittel schnellten in die Höhe, so dass in vielen Ländern die Bürger auf die Strasse gingen und protestierten. Die Spekulanten des Finanzsystems hatten bereits gemerkt, dass mit den üblichen Geschäften keine Gewinne mehr zu holen waren und sattelten um - noch bevor der Crash wirklich sichtbar wurde.
Wer glaubt darob noch, dass sich die Händler in diesem System plötzlich ihrer Menschlichkeit bewusst werden würden?
Nein, verändert hat sich in da nicht viel und die Geschäfte laufen weiter. So lange die Staaten zahlen, werden auch die Manager auf ihre Boni pochen - warum sollten sie ihre Verhaltensweisen ändern?
Nur wird dies auch dazu führen, dass ohne Halt das politische System unserer Demokratien darunter leiden wird. Bürgerkriege, zunehmender Extremismus oder terroristische Anschläge werden nur die kleinen Folgen sein.

Und wir Künstler? Der Kunstmarkt boomte in den letzten Jahren - nur boomte er nicht für alle Künstler - eher für die munteren, einfachen Vertreter der prophetischen Losungen neoliberaler Vorstellungen. Wie wunderbar einfach konnte man hübsche, bunte Kunst produzieren, die systemkompatibel war und damit auch noch zum Star aufsteigen. Aber Star sein, ist eine Sache, Star bleiben, eine andere. Ohne die Aufmerksamkeit der Vielen, oder der Masse, wie wir sie gerne bezeichnen, deren Geschmack durch die Medien mitgetragen wird, ist der Fall schnell und tief. Was eine Masse an Menschen bedeutet und was sie ausrichten kann, hat uns der Vorfall von Shell mit der Brent Spar vor einigen Jahren vorgeführt und auch Papst Benedikt XVI musste dies vor kurzem bemerken, als er sich dafür entschied, die Exkommunikation der Piusbrüderbischöfe aufzuheben.

Wir leben in demokratischen Systemen und handeln auch manchmal danach - aber noch zu wenig, zu träge. Die Entwicklungen in der Kunst zum Kunstbetrieb, zu einem System, das sich mehr angepasst hat, als es notwendig war, hat auch uns Künstler eingelullt. Zu sehr damit beschäftigt, die eigenen Pfründe zu sichern, das eigene Image zu polieren oder einfach nur unser Überleben zu sichern, sind wir den Vorgaben der allgemeinen gesellschaftlichen Vorgaben gefolgt und haben vergessen, dass wir es sind, denen Innovationen durch Kreativität und unkonventionelles Denken zugetraut werden können. Wir sind zu brav geworden und haben uns eingefügt in ein nicht widersprochenes Ganzes zu einem viel zu hohen Preis.

Hanno Rauterberg, Kunsthistoriker und Redakteur der Wochenzeitung "Die Zeit" lotete vorletzte Woche das Manifest und die Forderungen der Futuristen aus und analysierte, was sich von diesen Forderungen in unserer Alltagswelt niedergeschlagen hat. Es ist erstaunlich viel von diesen radikalen Forderungen Normalität geworden. Das Kunstsystem hat die Radikalität verloren und ist auch sehr brav geworden, zu brav, zu dekorativ, zu wenig wirklich revolutionär.
Rauterberg fordert die Künstler auf, wieder Manifeste zu schreiben und zu beweisen, was sie eigentlich können. Shame on us, dass wir da nicht vorher selber darauf gekommen sind....